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Könntest du dich kurz vor vorstellen, für diejenigen die dich noch nicht kennen?

Hallo, ich bin Hilko. Ich bin Spieler seit Kindertagen. Nach ein paar halbherzigen Versuchen habe ich 2007 angefangen, etwas ernsthafter selbst Spiele zu entwickeln. Dabei sind mittlerweile 8 Veröffentlichungen herausgekommen, von Kleinstserien bis hin zu etwas größeren Auflagen.

Seit zwei Jahren blogge ich auch über Spiele. Im Hauptberuf unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache an einer kleinen Sprachschule in Göttingen.

In deinem Blog schreibst du häufig über unbekannte Spiele z.B. aus Südamerika oder Fernost. Woher kommt deine Faszination für die unbekannten Spiele?

Ich bin früher viel gereist, vor allem in Asien. 2000 bin ich dann für ungefähr zwei Jahre nach Taiwan gegangen. In Taiwan habe ich damals keine Spieleszene entdecken können, nur ein Schüler von mir sagte mal, er habe ein paar deutsche Spiele zu Hause. Zu einer Verabredung mit ihm kam es allerdings nie. Ich habe dann selbst ein paar Sachen mitgebracht, und habe hier und da gesiedlert oder Tichu gespielt. Das war aber meistens mit anderen Leute aus dem Ausland, Taiwaner/innen kamen nur sporadisch dazu. 2012 war ich dann mal wieder zu Besuch in Taiwan, und inzwischen hatte sich eine rege Szene entwickelt. Da habe ich mich auch mit ein paar Spieleautoren getroffen und erste Freundschaften geknüpft, Prototypen gespielt und so weiter. Weil Taiwan mir durch meine persönliche Geschichte am Herzen lag, habe ich immer gut hingehört, was von da kam.

Ebenfalls 2012 drückte mir Seiji Kanai, den ich ein paar Jahre vorher kennen gelernt hatte, auf der Messe in Essen einen unscheinbaren Briefumschlag in die Hand, mit 16 Karten drin. Das war natürlich Love Letter. Ich war von der Grafik begeistert und wollte mehr davon (mit der AEG-Ausgabe von Love Letter bin ich nie warm geworden, wir spielen immer noch das Original – wenn auch mittlerweile das dritte Exemplar oder so). Bei vielen europäischen Spielen langweilen mich die Illustrationen, obwohl es natürlich auch hierzulande toll gestaltete Bilder gibt.
So war meine Leidenschaft für asiatische Spiele entfacht. Und als ich vor zwei Jahren mein Blog starten wollte, habe ich mir eine Nische gesucht, weil ich dachte, dass niemand ausgerechnet von mir die soundsovielte Rezension zu irgendeinem Schlagerspiel lesen will. Also habe ich mich auf asiatische Spiele und sonstige unbekanntere Dinge konzentriert.

Lateinamerika kam erst letztes Jahr dazu, das war ein purer Zufall. Ich hörte von einem Verlag in Sao Paulo und habe mir dann mal deren Boardgamegeek-Eintrag angeguckt. Neben vielen Lizenzausgaben waren auch ein paar ursprünglich aus Brasilien stammende Spiele dabei, und dann habe ich, ebenfalls über BGG, jemanden gesucht, der mir zwei Sachen mitbringen könnte. Daraus wurde ein sehr netter Kontakt mit den Autoren, und da habe ich das Ganze auch mit Argentinien gemacht. Und habe immer mehr gesehen, wie international und bunt die Spielewelt ist. Das fand ich toll! In allen Ländern wird gespielt, in manchen mehr, in manchen weniger. Aber Spiele gibt es überall.

  Interview: Hilko Drude

Hier in Deutschland kriegt man davon doch wenig mit. Das gilt nicht nur für die Spieler/innen hierzulande, von denen die meisten verständlicherweise auf das hiesige Angebot zurückgreifen, sondern auch für die Verlage. Japanische Spiele sind mittlerweile in aller Munde, und die taiwanischen Spiele wurden dieses Jahr auch stark beachtet, aber was ist mit Kolumbien? Indonesien? Nigeria? Da schlummert noch so viel Potential.

Essen ist für Spieler häufig die einzige Möglichkeit auch an diese unbekannteren Spiele zu kommen. Hast du noch andere Bezugsquellen für unbekannte Spiele und welches Spiel war dein Favorit in Essen 2017?

Die Messen in Essen und (zu einem geringeren Teil) Nürnberg sind schon die wichtigsten Quellen für mich. Dahin kommen halt wirklich Leute aus aller Welt, und wenn ich was wirklich Spannendes sehe, das mir sonst wegen des Portos zu teuer wäre, dann suche ich halt jemanden, der es mitbringen kann. Und ich selbst schicke auch einiges von hier aus um die Welt. Ich will ja auch was zurückgeben. Außerhalb der Messen kaufe ich sehr wenige Spiele. Mit dem, was ich aus Essen mitgebracht habe, bin ich noch für ein paar Monate gut versorgt.

Im Internet kann man natürlich fast alles bekommen, wenn man den entsprechenden Preis zu zahlen bereit ist (gerade in Japan kommt manchmal auch noch die Sprachbarriere dazu). Was der Nicegameshop macht, finde ich schon prima, da kann man dann an so einige exotische Spiele herankommen, auch wenn man nicht selbst mit all den Spielemacher/innen in Kontakt steht. Aber mir selbst geht’s gar nicht immer um das Kaufen oder Besitzen (oder auch nur das Spielen – nicht alles, worüber ich schreibe, interessiert mich selbst unbedingt). Ich will vor allem zeigen, wie international und vielfältig unser Hobby ist.

  Interview: Hilko Drude

Du übersetzt auch Spiele für unterschiedliche Verlage. Aus welchen Sprachen übersetzt du in welche Sprachen?

Ich übersetze normalerweise nur aus dem Englischen, das ist die einzige Fremdsprache, die ich gut genug dafür kann. Gemeinsam mit meiner Frau (die aus Taiwan kommt) habe ich auch ein paar Sachen aus dem Chinesischen übersetzt, aber das könnte ich nicht allein. Spanisch kann ich überhaupt nicht sprechen, aber mittlerweile kann ich Spielregeln einigermaßen verstehen (wenn sie halbwegs sinnvoll bebildert sind). Da habe ich dann auch mal Ad-hoc-Übersetzungen gemacht, aber die sind eher nicht gut genug zum Veröffentlichen. Portugiesisch ist schwerer, aber da lass ich mir dann eben bei den unklaren Stellen helfen. Wenn man viele Spiele kennt, fällt es einem eben leichter, noch weitere zu verstehen, auch wenn sie in exotischeren Sprachen daherkommen.

Zusätzlich zum Bloggen und Übersetzen entwickelst du auch deine eigenen Spiele. Kannst du mehr zu deinen eigenen Spielen erzählen?

Ich hatte das große Glück, Reinhold Witig kennenzulernen, der mir ein Freund und Mentor geworden ist.

Von ihm habe ich sehr, sehr viel gelernt, obwohl wir oft ganz verschiedene Gedankengänge haben. Aber vielleicht hat gerade das auch mit dazu geführt, dass wir mittlerweile drei Veröffentlichungen gemeinsam gemacht haben. Reinholds Ideen kommen oft aus Objekten, die er sieht oder berührt oder mit denen er herumspielt. Er sieht in vielen Dingen mehr als andere Leute. Mir selbst fallen eher Mechanismen ein, mit denen ich dann herumexperimentiere. Da passen unsere Talente oft gut zusammen.

Und natürlich bin ich beim Entwickeln von Spielen von dem beeinflusst, was ich selber besonders gern spiele: Kartenspiele, Geschicklichkeitsspiele, kurze und knackige Spiele. Manchmal probiere ich aber auch was aus, was mich selbst als Spieler kaum locken würde. Einfach so.

Dein “Mission Impractical” sieht sehr interessant aus. Wie kamst du auf die Idee zu diesem Spiel?

Danke.

Ich bin eines Morgens aufgewacht und hatte eine Idee im Kopfi. Als ich noch ein bisschen wacher wurde, merkte ich, dass es so ein Spiel schon gab, da habe ich sie wieder verworfen. Und da war plötzlich Mission Impractical in meinem Kopf. Ich habe dann aus Papier einen ersten Prototypen gemacht und ihn gleich am nächsten Tag ausprobiert, und der Erfolg war durchschlagend. Da wusste ich, dass da etwas dran war. Und tatsächlich, so gute Reaktionen habe ich noch nie auf ein Spiel bekommen.

Ich selbst spiele es nach über 100 Partien auch noch gern. Ich habe mich auch sehr gefreut, weil ich erstens immer mal ein Spiel zum Lachen machen wollte, und zweitens, weil ich was entwickeln wollte, was auch für den Deutschunterricht brauchbar ist. Das hat mit Mission Impractical gut funktioniert.

  Interview: Hilko Drude

Was wäre dein Tipp für diejenigen die in der Brettspielwelt als Autor Fuß fassen wollen?

Zweierlei. Erstens: Zum Warmwerden einfach mal loslegen und nicht zu sehr auf das Veröffentlichungspotential schielen. Von diversen guten Ideen kommt eh nur eine durch. Auch aus gescheiterten Projekten kann man viel lernen. Und bitte keine Angst haben, Sachen auszuprobieren, auch vor Publikum.

Zweitens: Ein Netzwerk aufbauen. Leute kennen lernen, sich auf Fremde einlassen, mit vielen Leuten über eigene (und fremde!) Ideen sprechen und sie ausprobieren. Ein Teil davon geht im Internet, aber der persönliche Kontakt ist trotzdem unverzichtbar, finde ich. Man kann auf eins der größeren Autor/innentreffen fahren, wie zum Beispiel das in Göttingen, das ist eine wunderbare Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen und sich auszutauschen (ein Test mit anderen Autor/innen kann sehr viel ertragreicher sein als einer mit Leuten, die nur die Spieler/innenperspektive einnehmen). Oder man geht auf eine „normale“ Spieleveranstaltung und präsentiert sich dort einfach mal.

Was kommt als nächstes für Blog und Spieleentwicklung? Hast du neue Projekte in Planung?

Immer. Vor Weihnachten kommen wohl noch ein paar Rezensionen zu Sachen, die ich aus Essen mitgebracht habe. Ich tippe mal auf „Geek Out! Masters“, „Samurai-Dori“ und „Der Baum“, aber das hängt auch immer ein bisschen von meiner aktuellen Stimung und Inspiration ab. Eventuell schreibe ich auch ein paar Takte zu dem Buch „Homo Ludens“ von Johan Huizinga, das ich gerade lese. Und im Januar steht in Argentinien wieder der Abgabeschluss für den König-Alfonso-Preis an, das wird wieder viel Recherche erfodern. Darauf freue ich mich schon.

Ganz heiße Prototypen habe ich im Moment nicht. Es gibt ein paar halbgare Ideen, an deren Ausarbeitung ich mich bei Gelegenheit mal setzen sollte, aber nichts, was so konkret ist, dass ich schon viel dazu sagen könnte. Es ist halt nicht so, dass ich mich mit der Vorgabe hinsetze „Ich erfinde jetzt ein Spiel“. Die erste Inspiration kommt fast immer aus dem Nichts. Und dann kommt es halt drauf an, ob man Feuer fängt und was daraus macht.

Wie mir eines Morgens zwei Spiele einfielen